Erinnerung als soziale Praxis - Familien in der Migration zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem

Während in der Frage aktueller Fluchtbewegungen sowohl auf politischer als auch auf gesellschaftlicher Ebene häufig ein Fokus auf Formen, Möglichkeiten und Bedingungen der Integration in die Aufnahmegesellschaft vorherrscht, sollen in meinem Projekt weniger die Integrationsmöglichkeiten in die Aufnahmegesellschaft, als vielmehr innerfamiliäre Erinnerungs- und Konstitutionsprozesse unter Bedingungen von Fluchtbewegungen in den Blick genommen werden, die in einen spezifischen gesellschaftlichen Kontext eingebunden sind. Mit Ursula Apitzsch kann davon ausgegangen werden, dass Erfahrungen von Flucht und die „Suche nach sozialer und kultureller Zugehörigkeit in der neuen Aufnahmegesellschaft in einem großen Maße verbunden ist mit biographischer Anstrengung, die sich auf die Wiederherstellung eines symbolischen Raumes von Traditionalität bezieht, auf deren Hintergrund erst die Möglichkeit entsteht, als MigrantIn einen eigenen Platz in der neuen Gesellschaft zu bestimmen“ (vgl. Apitzsch 1999: 11). Dabei geht es nicht nur um den eigenen Platz als Individuum, sondern auch um die Tradierung von Familienbildern und die Erinnerungsarbeit in Familien (vgl. auch Inowlocki 2003: 165). Die Bedeutung des Verhältnisses von Traditionalität, Traditionsfortbildung, Traditionsneubildung, aber auch Traditionsauflösung soll für Familien in der Migration genauer untersucht werden. Fragen, die dabei in den Blick genommen werden, sind etwa (vgl. auch Andresen/Gerarts 2016): Wie konstituieren sich Familien in der Migration? Wie ordnen sie die „alte“ und die „neue“ Welt und auch die Passagen der Flucht? Wie verleihen sie ihrem Alltag und den vertrauten und unbekannten Routinen Sinn? Welche Rolle spielen dabei als eigene und als fremde konzipierte Sprachen?

Im Zentrum des Projektes stehen im Anschluss daran soziale Erinnerungspraxen von Familien in der Migration und die Frage, wie sich Familien in der Migration konstituieren. Dafür erweist sich das Konzept von Erinnerung als soziale Praxis als weiterführend, das im Anschluss an Gabriele Rosenthal formuliert werden kann (vgl. Rosenthal 2010). Die Praxis der Erinnerung kann demnach als soziale Praxis verstanden werden, welche „je nach historisch-kulturellem Kontext unterschiedlichen sozialen Regeln […] unterworfen [ist], die sich wiederum über Generationen hinweg festigen und wandeln. Sie zeigt also die Spuren von Regeln des Erinnerns, die früher bzw. in anderen sozialen und situativen Kontexten wirksam waren, gleichzeitig aber auch Spuren jener Regeln, die in der aktuellen interaktiven Erinnerungspraxis zur Geltung kommen“ (Rosenthal 2010: 151).

Literatur:

Andresen, Sabine/Gerarts, Katharina (2016): Kindheitsforschung und ihre Zugangsmöglichkeiten zu geflüchteten Kindern. In: Fischer, Jörg/Graßhoff (Hg.): Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. „In erster Linie Kinder und Jugendliche!“, Sozialmagazin, Sonderband 1/2016, Weinheim: Beltz Juventa, S. 154–163.

Apitzsch, Ursula (1999): Traditionsbildung im Zusammenhang gesellschaftlicher Migrations- und Umbruchsprozesse. In: Dies. (Hg.): Migration und Traditionsbildung. Opladen, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 7–20.

Inowlocki, Lena (2003): Fotos ohne Namen, Geschichte ohne Ort. Fragmentarische Tradierung und „Erinnerungsarbeit“ in Familien ehemaliger jüdischer Displaced Persons. In: Gudrun Cyprian und Marianne Heimbach-Steins (Hg.): Familienbilder. Interdisziplinäre Sondierungen. Opladen: Leske + Budrich, S. 155–170.

Rosenthal, Gabriele (2010): Zur Interdependenz von kollektivem Gedächtnis und Erinnerungspraxis. Kultursoziologie aus biographietheoretischer Perspektive. In: Monika Wohlrab-Sahr (Hg.): Kultursoziologie. Paradigmen, Methoden, Fragestellungen. 1. Aufl. Wiesbaden: VS, S. 151–175.