Ehemalige Strafgefangene und die Arbeitswelt – ein Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Normen und subjektiven Haltungen und Erwartungen

Erwerbsarbeit spielt in modernen Industrie- oder Dienstleistungsgesellschaften eine bedeutende soziale und psychologische Rolle für das Subjekt. Lohnarbeit kann Einbindung in soziale Strukturen bedeuten, Anerkennung durch andere und ermöglicht eine gewisse finanzielle Autonomie. Für Menschen, vor allem Männer, mit einer erlebten Haft- oder Massnahmeerfahrung, ist der (Wieder-)eintritt in die Arbeitswelt oftmals mit grossen Schwierigkeiten und Frustrationen verbunden. Vielfach haben ehemalige Inhaftierte wenig relevante Ausbildungszertifikate, sie erleben Benachteiligungen aufgrund ihrer Tat und/oder Hafterfahrung oder sind mit regelmässiger Arbeit nicht vertraut. Trotzdem wird von sehr vielen ehemaligen Straftätern die Aufnahme einer Erwerbsarbeit angestrebt, respektive von den professionellen Hilfestellungen, beispielsweise den Bewährungsdiensten, gefordert. Arbeit gilt als einer der in Sozialer Arbeit und Forschung anerkannten Faktoren, welcher einen dauer-haften Austritt aus der Delinquenz begünstigt.

In diesem Spannungsfeld von gesellschaftlich-normativen Erwartungshaltungen und individuellen Voraussetzungen gilt es für die Entlassenen, dem sozialen Gegenüber ein positives Arbeit-Selbstbild zu vermitteln. Die Aufrechterhaltung einer koheränten und konsistenten (Arbeits-)Identität und deren Vermittlung sind für die meisten Menschen wichtig. Diese Darstellung geschieht über Erzählungen und verläuft entlang gewisser Strukturen der Herstellung einer narrativen Identität. Es kann davon ausgegangen werden, dass insbesondere Menschen mit einem Bruch in ihrer Biografie sehr daran interessiert sind, eben diese Zerrüttung in einen sinnvollen und repräsentierbaren Lebensentwurf zu integrieren. Zu erwarten sind Erzählungen mit Auslassungen und/oder Überhöhungen, welche sich erst durch eine genaue Textanalyse hinsichtlich ihrer Bedeutungen erschliessen lassen.

Die Qualifikationsarbeit ist eingebettet in das Nationalfondsforschungsprojekt ‚Wege aus der Straffälligkeit’ und fokussiert den Bereich der Arbeitsintegration. Dabei wird versucht, konsequent die Perspektive der ehemaligen Delinquenten einzunehmen und dabei deren Haltungen, Wünsche und Vorstellungen bezüglich der (Erwerbs-)Arbeit zu ergründen, oder die Passungsverhältnisse im Spannungsfeld zwischen normativen Anforderungen und subjektiven Wertungen zu beschreiben. Datengrundlage dazu bieten ausgewählte, im Rahmen des er-wähnten Forschungsprojektes geführte Interviews, welche an zwei Zeitpunkten stattfanden, respektive stattfinden werden.