Im Un-Gewissen Zwischen: Soziale Praktiken und die körperleiblichen Dimensionen sozialpädagogischer Beziehungen im Feld der Sexarbeit.

Körper und Leib spielen in sozialpädagogischen Settings der aufsuchenden Sozialen Arbeit im Feld der Sexarbeit eine relevante Rolle. Zum einen werden über (hegemoniale) Wahrnehmungsraster bestimmte Körper (‚der prostitutive Körper‘) angerufen und fallen in bestimmte gesellschaftliche Aufregungszonen (Burghard et al. 2014). Körper werden zu einem potentiellen sozialpädagogischen Bearbeitungsobjekt geformt und der Körper wird auf eine spezifische Art und Weise Gegenstand und Legitimierung eines sozial-gesundheitspolitischen Auftrags: auf den Körper wird zugegriffen, er wird diszipliniert und kontrolliert. Zum anderen wird mit und über den Körper in (sozialpädagogischen) Interaktionen soziale Ordnung hergestellt, mit dem Körper wird kommuniziert und es sind Praktiken der Macht vorhanden (Langer 2015). In sozialen Situationen der aufsuchenden Sozialen Arbeit begegnen sich sozialpädagogische Fachkräfte und Adressat*innen (Sexarbeiter*innen und Betreiber*innen) mit ihrem KörperLeib. Die Körper interagieren miteinander, sie werden gelesen und gedeutet (Mimik, Gestik) und gehen mit affektiv-leiblichen Empfindungen einher. Sozialpädagogische Settings beruhen auf verbalen als auch non-verbalen Interaktionsprozessen ebenso wie eine Asymmetrie für sozialpädagogisches Handeln konstitutiv ist. Denn Soziale Arbeit rückt förmlich auf den Leib, wenn sie als ungebetene Besucherin vor der Tür steht um eine Form der ‚Gesundheits-, Sozialberatung‘ in situ anzubieten und auf die Zustimmung der Adressat*innen angewiesen ist.

In meinem Dissertationsprojekt untersuche ich soziale Praktiken der aufsuchenden Sozialen Arbeit einerseits in Hinblick auf die Rolle, die KörperLeiber in der sozialpädagogischen Interaktion spielen. In diesen je situativ zu betrachteten Momenten des ‚Aufeinander-treffens‘, des ‚Sich-Begegnens‘ handelt es sich dabei um ein Geschehen „zwischen zwei Leibern“ (Merleau-Ponty 1966: 194). Andererseits interessiert die Frage, welche Differenzpraktiken in den jeweiligen sozialen Situationen mit und über den Körper vollzogen werden bzw. sich rekonstruieren lassen.
Die theoretische Ausrichtung des Projektes findet ihre Fundierung in einer körpertheoretischen Perspektive, für die eine analytische Unterscheidung von Körper und Leib konstitutiv ist. Mit dieser begrifflichen Differenzierung erfolgen die theoretisch-analytischen Annäherungen über einen post-strukturalistischen und phänomenologischen Zugang. Auf der einen Seite geht es – idealtypisch und rein analytisch zu verstehen - um Körper in seiner Gegenstandsstellung, als Ort der Umgangsweisen mit dem Körper und auf der anderen Seite geht es um den Leib in seiner Selbststellung, als Ort der gelebten Erfahrungen. Durch die Annahme, dass KörperLeib sowohl Produkt als auch Produzent des Sozialen ist, wird das Verhältnis von Körper und Sozialität, im Sinne der sozialen Verwiesenheit als auch Angewiesenheit (auf Andere) in den Mittelpunkt gerückt. In sozialen Situationen sind Subjekte auf Grund ihrer körperleiblichen Anwesenheit einer sozialen Kontrolle in besonderem Maße ausgesetzt, in denen sich der Leib zugleich als ein möglicher Ort der Abweichung (Jäger 2014: 222) bemerkbar machen kann. Eine so verstandene sozial situierte Verortung von KörperLeiblichkeit geht jedoch nicht nur mit sozialer Macht und Kontrolle einher sondern auch mit Ungewissheiten für die anwesenden Personen. Um Fragen nach der Leiblichkeit in sozialen Situationen analytisch angemessen betrachten zu können, wird an den phänomenologischen Begriff der ‚Zwischenleiblichkeit‘ (Merleau-Ponty; Waldenfels) angeknüpft.

Für eine empirische Untersuchung der aufgeworfenen Fragen eignet sich die aufsuchenden Sozialen Arbeit im Feld der Sexarbeit besonders gut. Im Zentrum stehen dabei ethnographische Erkundungen im beruflichen Alltag der sozialpädagogischen Fachkräfte. Gegenstand sind soziale Situationen der aufsuchenden Sozialen Arbeit und weniger Einzelfallberatungen. Die aufsuchende Soziale Arbeit vollzieht sich in unterschiedlichen das Feld der Sexarbeit strukturierenden Settings, wie ‚Massagesalons‘, ‚Kontaktbars‘ und ‚Bordelle‘. Dabei lassen sich Hinweise sowohl auf die (Re)Produktion sozialer Ordnung als auch die Brüchigkeit und Ungewissheit sozialer Situationen erwarten, die mit Paradoxien und situativ auszuhandelnden Ambivalenzen der sozialen Praktiken einhergehen.