Ergebnisse

Studie "Bildung am Gymnasium"

Die Ergebnisse der Studie sind vielfältig, aber nicht widersprüchlich. Das Zusammentragen wichtiger Daten und Zusammenhänge in der Kantonstabelle hat ein umfang- und facettenreiches Bild der gymnasialen Bildungslandschaft ergeben, das nicht nur die ˗ hinlänglich bekannte ˗ Heterogenität der Gymnasien bestätigt, sondern auch zeigt, in welchen Punkten sich Gemeinsamkeiten, Besonderheiten oder eben Unterschiede einzelner Kantone (und Schulen) ausmachen lassen. Der Erkenntnisgewinn liegt hier in der Fülle an Informationen, die eine Art gesamthafte Momentaufnahme aller Schweizer Gymnasien darstellen und in unterschiedlichster Weise zueinander in Beziehung gesetzt werden können. Die Recherche zu anderen europäischen Bildungssystemen förderte eine strukturelle Besonderheit des hiesigen Systems zutage: einzig in der Schweiz stellt der Maturitätsausweis nach wie vor die Zugangsberechtigung zu allen universitären Studienfächern ˗ mit Ausnahme der medizinischen ˗ dar.

Um diesen Wert des Maturazeugnisses kreisen denn auch die meisten bildungspolitischen Debatten. Die "Studierfähigkeit" als Fluchtpunkt des Gymnasiums und Legitimation seiner Funktion im Bildungssystem evoziert die meisten anderen Diskussionsthemen: über die Maturaquote, die Bedeutung der MINT-Fächer, die Förderung des selbständigen Arbeitens oder die Einführung basaler Kompetenzen wird vor allem gesprochen, weil sie mittel- oder unmittelbar virulent werden, wenn die Maturandinnen und Maturanden ein Studium aufnehmen. Der Wert der gymnasialen Bildung erweist sich in diesen Debatten quasi erst auf der tertiären Ebene; alle zu treffenden Massnahmen und Reformen resultieren aus ihrem Nutzen für die Studierfähigkeit der Gymnasiastinnen und Gymnasiasten. Hinsichtlich der punktuellen Verortung von Reformbedarf herrscht bei den an der öffentlichen Diskussion Beteiligten viel Einigkeit. Schwierig wird es erst, wenn man nach Reformvorschlägen fahndet, die über eine Ausweitung der Kommunikation an der Schnittstelle oder die durch Lehrpersonen eigenverantwortlich betriebene Förderung bestimmter Kompetenzen bei den Maturandinnen und Maturanden hinausgehen. Jenseits dieses Konsensbereiches stösst jede Veränderung des bestehenden heterogenen, aber austarierten Gymnasialwesens schnell auf Widerstand oder Hürden.

Es ist eben die Balance aus einer tiefen Maturitätsquote, einer breit gefächerten Bildung am Gymnasium und der Akzeptanz der Maturität als genügender Qualifikation für die Aufnahme jedes Hochschulstudiums (ausser Medizin), welches die verschiedenen Komponenten des Schweizer Gymnasialsystems ausmacht und insbesondere an der Schnittstelle Gymnasium˗Universität im Lot hält. Die Empfehlungen auf der normativen Ebene gehen deshalb von einer Beibehaltung dieser Balance aus. Um den prüfungsfreien Zugang auf die Hochschule auch künftig zu gewährleisten, sollte die bisherige Qualität des Ausbildungsstandes erhalten sowie ergänzend sichergestellt werden, dass alle Maturandinnen und Maturanden lückenlos und ohne Kompensationsmöglichkeit sowohl über die notwendigen überfachlichen als auch über die ˗ noch zu präzisierenden ˗ basalen Kompetenzen verfügen.

Neben der allgemeinen Studierfähigkeit nennt das MAR 95 ein zweites, gleichrangiges Ziel: die Vorbereitung der Maturandinnen und Maturanden auf anspruchsvolle Aufgaben in der Gesellschaft. Nicht nur die Beibehaltung, sondern auch die Stärkung dieses Ziels ist eine weitere Empfehlung auf normativer Ebene. Der (in EVAMAR II entwickelte) Begriff der "vertieften Gesellschaftsreife" sollte stärker in den Fokus rücken. Nimmt man ihn als Fluchtpunkt für die Ausrichtung des Gymnasiums, so ergibt sich zwar ebenfalls die Notwendigkeit einer breit gefächerten Bildung, aber es bilden sich auch neue Entscheidungskriterien für in Rede stehende Massnahmen und für Kompetenzerwartungen an der Schnittstelle. Zur empirischen Verankerung des Konzepts der vertieften Gesellschaftsreife müssten die Kompetenzen zur Lösung anspruchsvoller gesellschaftlicher Aufgaben bestimmt und operationalisiert werden, um Lehr-Lern-Inhalte für das Gymnasium ableiten zu können. Eine Diskussion über die am Gymnasium vertretenen Fächer und Fachinhalte ˗ insbesondere über die sehr spezialisierten ˗ wäre unvermeidlich, würde aber der Idee breit gebildeter, vertieft gesellschaftsreifer junger Menschen, die ihre fachliche Spezialisierung erst mit der Universität beginnen, noch mehr Nachhaltigkeit verleihen.