IQ-Koop - Innovation und Qualität durch Kooperation

Kooperation in Berner Tagesschulen anregen. Eine Interventionsstudie zur Wirksamkeit von leitungszentrierten Weiterbildungen auf die Entwicklung der Kooperationsqualität aus Sicht des leitenden, unterrichtenden und pädagogisch tätigen Personals.

Dauer: Mai 2014 bis Juli 2017

zur Projektwebsite IQ-Koop

Die Erwartung, dass die ganztägige Bildung und Betreuung schul- oder familienergänzend wirken kann basiert auf der Annahme, dass ein Austausch zwischen diesen unterschiedlichen Bildungsorten stattfindet. In der Schweiz wird zunehmend ein Ausbau dieser Tagesstrukturen für schulpflichtige Kinder und Jugendliche gefordert. Deren Aufgabe und Funktion sind in Ergänzung oder Abgrenzung zur Schule und zum Elternhaus noch wenig geklärt.

Tagesschulen sind im Kanton Bern freiwillige, beitragspflichtige Angebote der Schule, die unter einer eigenen Leitung stehen und in die öffentliche Schule integriert sind. Im interkantonalen Vergleich verfügt der Kanton Bern mit 219 Tagesschulen in 158 Gemeinden schon im Schuljahr 2012/2013 über ein gut ausgebautes und dokumentiertes Angebot.

Der Ausbau von Tagesschulen schafft neue Kooperationsmöglichkeiten zwischen den Mitarbeitenden der Schule (Schulleitung und Lehrpersonen) und der Tagesschule (Tagesschul-Leitungen und Mitarbeitende der Tagesschule). Deshalb steht diese aktuelle, bildungspolitisch relevante Thematik im Zentrum des Forschungsprojekts.

Ziel dieser Interventionsstudie ist es, die Kooperation zwischen den verschiedenen Bildungsorten durch ein spezifisches Weiterbildungsangebot zu fördern. In der wissenschaftlichen Begleitung der Studie werden Veränderungen der Kooperationspraxis, der Beurteilung und Wahrnehmung der Kooperation über den Zeitraum von zwei Jahren verfolgt. Dabei steht die folgende Hauptfragestellung im Vordergrund: 

Welche Wirkung hat die Umsetzung und der Transfer der leitungszentrierten Weiterbildungen auf...

  • die Verbesserung der Wahrnehmung der Kooperationsqualität,
  • die professionellen Kompetenz der Mitarbeitenden sowie
  • die Verbindung zwischen Schule und Tagesschule?

1. Die Weiterbildung

„Kooperation ist – in welchem Ausmaß, in welcher Form und auf welcher Stufe auch immer – nicht per se schon qualitativ gut“ (Idel et al. 2011, p. 13).

In der Weiterbildung wird Kooperation als zielorientierte Zusammenarbeit zwischen mehreren Personen verstanden, die sich als Prozess darstellt, weiterentwickelt und an veränderte Anforderungen angepasst werden kann. Deshalb wird angenommen, dass in der Praxis auch unterschiedliche Kooperationspraktiken und –gefässe geläufig sind.

Die Weiterbildung basiert auf einem in den USA bereits etablierten Programm zur Verbesserung der Zusammenarbeit im schulischen Kontext (Woodland& Koliba 2007; 2008). Im Programm steht die Entwicklung eines eigenen Kooperationsverständnisses und -Konzepts durch die Leitungspersonen im Vordergrund (Woodland, Kang Lee & Randall 2013).

Der Aufbau der Weiterbildung orientiert sich an fünf verschiedenen Aspekten der Kooperationsqualität: Verständnis, Inhalt, Dialog, Handlungsorientierung und Reflexion. Laut den Autoren ist die Erarbeitung hoher Kooperationsqualität als zirkulärer Prozess zu verstehen, welcher wiederholt durchlaufen und von den Leitungspersonen initiiert wird.

Die drei Weiterbildungskurse werden in Zusammenarbeit mit dem Institut für Weiterbildung der Pädagogischen Hochschule Bern (IWB PHBern) ausgearbeitet, weiterentwickelt und an den Kontext der Schweizer Tagesschulen adaptiert. Die Weiterbildung wird in Form von Abendkursen durch das Team der PHBern zu drei Zeitpunkten durchgeführt (weitere Informationen dazu finden siehe Projektwebsite IQ-Koop). Zwischen den Kursen finden Reflexionsphasen statt. Die Weiterbildung wird für Leitungspersonen in den Tagesschulen angeboten, da die Theorie der Wirksamkeit des Schulleitungshandelns (vgl. Bonsen 2010) Effekte und einen Transfer der Weiterbildungsinhalte zu den Mitarbeitenden durch kooperative Netzwerke und kooperatives Lernen (vgl. van den Bosche & Segers 2013) nahelegt.

2. Die Evaluation

Das SNF-Projekt basiert auf empirischen Erkenntnissen aus der Schulleitungs- und Lehrerkooperationsforschung, die zum Teil positive Effekte der Kooperation innerhalb der Schule auf die Schulqualität, Schülerleistung und die Qualität des schulischen und ausserunterrichtlichen Angebots nachweisen können (vgl. Dizinger, Fussangel & Böhm-Kasper 2011; Maag Merki et al. 2010, Woodland & Hutton 2012; West 2010).

Ziel dieser Interventionsstudie ist es, die Kooperationsqualität in Tagesschulen im Kanton Bern, die Rolle der Tagesschulleitung sowie Effekte, welche auf Unterschiede zwischen den Tagesschulen zurückzuführen sind (Mehrebenenanalyse) systematisch zu untersuchen. Durch eine Eingangs-, Ausgangs- und Follow-Up-Erhebungen werden weitere Aspekte der Zusammenarbeit, Einschätzungen des Führungstyps der Lleitungspersonen sowie schulspezifische Kontextfaktoren erhoben, um Korrelationen, kausale Prozesse und mittelfristige Wirkungen zu untersuchen.

Die qualitativen und quantitativen Messinstrumente (Mixed-Methods-Ansatz) sind praktisch und empirisch fundiert und werden zum Teil vorgängig validiert (vgl. Jutzi, Schüpbach & Thomann 2013; Woodland & Kolbia 2008). Die Programmwirksamkeit der Weiterbildungen soll anhand verschiedener Prädiktoren evaluiert werden, die sich aus der Teilnahme bzw. Nicht-Teilnahme an der Weiterbildung ergeben.

Diese Variablen werden bei den Leitungspersonen (Schulleitung und Tagesschul-Leitung) sowie bei den Mitarbeitenden (Lehrpersonen und Mitarbeitende der Tagesschule) zu den drei Zeitpunkten erhoben. Zusätzlich werden mit ungefähr der Hälfte der Teilnehmenden Tiefeninterviews im Sinne von Treatment Checks durchgeführt. Dadurch können der Transfer und die Erfahrungen bei der Umsetzung qualitativ erfragt und die Erreichung der Interventionsziele kontrolliert werden.

Durch die wissenschaftliche Begleitung der Weiterbildung können erstmalig Längsschnittdaten zur Entwicklung der Kooperation zwischen den Mitarbeitenden der Schule und der Tagesschule erhoben werden. Der Einsatz von Skalen und Trainings aus der englischsprachigen und deutschsprachigen Schulleitungs- und Lehrerkooperationsforschung erlauben ausserdem eine differenzierte und valide Messung der Kooperation, die über die allgemeine Konzeption in früheren Studien hinausgeht. Durch Theorieorientierung, Multiperspektivität, Wiederholungsmessung und Kontrollgruppendesign (vgl. Huber, Ahlgrimm & Hader-Popp 2012) wird ein zusätzlicher Beitrag zum Forschungsstand geleistet.

3. Literatur

Bonsen, Martin (2010). Schulleitungshandeln. In Altrichter, Herbert; Maag Merki, Katharina (Eds.), Handbuch. Neue Steuerung im Schulsystem (p. 277-294). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Dizinger, Vanessa; Fussangel, Kathrin; Böhm-Kasper, Oliver (2011). Interprofessionelle Kooperation an Ganztags-schulen aus der Perspektive der Lehrkräfte – Wie lässt sie sich erfassen und wie wird sie im schulischen Belas-tungs- und Beanspruchungs-Geschehen bewertet? In Speck, Karsten; Olk, Thomas; Böhm-Kasper, Oliver; Stolz, Heinz-Jürgen; Wiezorek, Christine (Eds.), Ganztagsschulische Kooperation und Professionsentwicklung. Studien zu multiprofessionellen Teams und sozialräumlicher Vernetzung (p. 114-127). Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

Huber, Stephan G.; Ahlgrimm, Frederik; Hader-Popp, Sigrid (2012). Kooperation in und zwischen Schulen sowie mit anderen Bildungseinrichtungen: Aktuelle Diskussionsstränge, Wirkungen und Gelingensbedingungen. In Huber, Stephan Gerhard; Ahlgrimm, Fredrik (Eds.), Kooperation. Aktuelle Forschung zur Kooperation in und zwischen Schulen sowie mit anderen Partnern (p. 323-372). Münster: Waxmann.

Idel, Till-Sebastian; Ullrich, Heiner; Baum, Elisabeth (2012). Kollegialität und Kooperation in der Schule – Zur Einlei-tung in diesen Band. In Baum, Elisabeth; Idel, Till-Sebastian; Ullrich, Heiner (Eds.), Kollegialität und Kooperation in der Schule: Theoretische Konzepte und empirische Befunde (Schule und Gesellschaft) (p. 9-28). Wiesbaden: Springer Verlag.

Jutzi, Michelle; Schüpbach, Marianne; Thomann, Kathrin (2013). Bedingungen multiprofessioneller Kooperation in zehn Schweizer Tagesschulen. In Schüpbach, Marianne; Slokar, Ana; Nieuwenboom, Wim (Eds.). Kooperation als Herausforderung in Schule und Tagesschule. Bern: Haupt Verlag.

Maag-Merki, Katharina; Kunz, André; Werner, Silke; Luder, Reto (2010). Schlussbericht „Professionelle Zusammenarbeit in Schulen“. Zürich: UZH/PHZH

Woodland (nee Gajda), Rebecca; Koliba, Christopher (2007). Evaluating the Imperative of Inter-personal Collabora-tion: A School Improvement Perspective. American Journal of Evaluation, 28(1), 26-44.

Woodland (nee Gajda), Rebecca; Koliba, Christopher (2008). Evaluation and Improving the Quality of Teacher Col-laboration: A Field-Tested Framework for Secondary School Leaders. NASSP Bulletin, 92(2), 133-153.

Woodland, Rebecca; Hutton, Michael S. (2012). Evaluating Organizational Collaborations: Suggested Entry Points and Strategies. American Journal of Evaluation, 33(3), 366-383.

Woodland, Rebecca; Kang Lee, Minji; Randall, Jennifer (2013). Educational Research and Evaluation: An Internation-al Journal on Theory and Practice. Educational Research and Evaluation, 19(5), 442-460.

Van den Bosche, Piet; Segers, Mien (2013). Transfer of training: Adding insight through social network Analysis. Educational Research Review, 8, 37-47

West, Mel (2010). School-to-school Cooperation as a Strategy for Improving Student Outcomes in Challenging Con-texts. School Effectiveness and School Improvement: An International Journal if Research, Policy and Practice, 21(1), 93-112.