Forschungscluster „Öffentliche Erziehung und Bildung zwischen Staat und Markt“

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Hintergründe und Ziele des Forschungsclusters

Die Frage, wer mit welcher Legitimität welche Aufgaben im Feld von Erziehung und Bildung übernimmt und welche Rolle der Staat dabei einnimmt, ist eine konstante Begleiterin der erziehungswissenschaftlichen Theorie und der pädagogischen Praxen. In diesem Spannungsfeld von gesellschaftlichen Normen, Politik und Ökonomie haben sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten nichtstaatliche Erziehungs- und Bildungsanbieter zu wichtigen Akteuren entwickelt. Dies wirft Fragen nach der grundsätzlichen Rolle des Staats für die Etablierung, Organisation, curriculare Gestaltung und Aufrechterhaltung öffentlicher und institutionalisierter Bildung und Erziehung auf. Mit diesen Forschungsfragen beschäftigt sich das Forschungscluster "Öffentliche Erziehung und Bildung zwischen Staat und Markt" aus einer nationalen und internationalen Perspektive. Das Thema wird theoretisch diskutiert, historisch rekonstruiert und empirisch untersucht. Wesentlich dabei ist die Klärung der Fragen, unter welchen Rahmenbedingungen Erziehung und Bildung realisiert werden, was die Qualität von Erziehung und Bildung unter konkreten Bedingungen ausmacht und wie sie weiterentwickelt werden kann. Daraus lassen sich folgende Forschungsfragen ableiten:

1. Erziehungs- und Bildungssysteme: Wie haben sich Erziehungs- und Bildungssysteme entwickelt und in welchem Verhältnis stehen öffentliche Bildung und Erziehung zu privaten, zivilgesellschaftlichen oder ökonomischen Interessen und Institutionen?

  • Wie gestalten sich Aushandlungsprozesse zwischen verschiedenen Akteuren im Erziehungs- und Bildungswesen?
  • Wie und warum haben sich diese über die Zeit verändert?

2. Qualität von Erziehung und Bildung: Wie wird Qualität von Erziehung und Bildung in verschiedenen Bildungskontexten erreicht?

  • Was macht professionelles Handeln aus und wie kann es gewährleistet werden?
  • Welche Rolle übernehmen hierzu die verschiedenen Akteure (z. B. Lehr- und Fachpersonen, Fachpersonen der Kinder- und Jugendhilfe, Bildungsbehörden, Aufsicht)?

3. Erziehungs- und Bildungsprozesse: Welche Erziehungs- und Bildungsprozesse zeigen sich in Bildungssystemen, in denen das Verhältnis zwischen Staat und Markt unterschiedlich ausgestaltet ist?

  • Inwiefern unterscheiden sich die Ergebnisse von Erziehungs- und Bildungsprozessen in verschiedenen Konstellationen?
  • Welche Verantwortung kommt dabei jeweils den verschiedenen Akteuren für die Gewährleistung von förderlichen Erziehungs- und Bildungsprozessen zu?

Tätigkeiten

Cluster-Workshop

Jedes Semester wird ein Cluster-Workshop durchgeführt. Das Ziel dieses Workshops ist es, sich über laufende Forschungsprojekte im Cluster auszutauschen und weiterführende Forschungsfragen und Projektideen zu entwickeln.

Der nächste Cluster-Workshop findet am 28. Oktober 2021, von 10.00 bis 12.00 Uhr statt. Eine Einladung folgt.

Öffentliche Gastvorträge

Die zentralen Fragen des Forschungsclusters sollen regelmässig im Rahmen von öffentlichen Gastvorträgen mit externen Wissenschafter*innen diskutiert werden. Ein erster Gastvortrag ist für das FS 2022 geplant.

Forschungsprojekte und Forschungskooperationen

Für die Beantwortung unserer Forschungsfragen werden aktuell verschiedene Forschungsprojekte durchgeführt:

EduGov – Kantonale Educational-Governance-Systeme im Fokus

Im Zentrum dieses Forschungsprojektes steht die Frage, in welcher Beziehung die in den letzten Jahren in den verschiedenen Kantonen aufgebauten Governancestrukturen, beispielsweise externe Beurteilungen von Schulen, schul- und klassenübergreifende Leistungstests oder Beratungs- und Weiterbildungsangebote, zueinander stehen und inwiefern sie in ihrem Zusammenspiel funktional sind für die Erreichung einer hohen Bildungsqualität. Im Ergebnis sollen Erkenntnisse über Potenziale, Spannungsfelder und Herausforderungen gewonnen werden, die es erlauben, über die zukünftige Gestaltung von effektiven Educational-Governance-Systemen zu diskutieren und die kantonalen Bildungssysteme gezielt weiterzuentwickeln.
Projektleitung: Prof. Dr. Katharina Maag Merki (Themenschwerpunkt 1)

Schule und Unterricht zwischen Staat und Markt: Das Beispiel Pestalozzi

In den 1830er- und 1840er-Jahren wurde in den meisten Staaten Europas eine staatlich finanzierte und gesetzlich abgesicherte Volksschule eingerichtet. Dieser Prozess war Teil einer längerfristigen Educationalization of Social Problems, die ihre Ursprünge im 18. Jahrhundert hatte und bis heute andauert. Das Projekt untersucht am Beispiel der Figur Pestalozzis, wie sich an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert eine Vorstellung und Praxis von schulischer Bildung und Erziehung entwickelte und gegen konkurrierende Vorstellungen durchsetzen konnte, die einer staatlichen Finanzierung und Absicherung den Vorzug gab und bis heute unser Bild mitbestimmt, was schulische Bildung „ist“.
Projektleitung: Dr. phil. Rebekka Horlacher (Themenschwerpunkt 1)

SIC – School Improvement Capacity for Academic Learning

Die Schulentwicklungskapazität ist die Fähigkeit einer Schule, auf schulinterne und schulexterne Herausforderungen kompetent zu reagieren und das schulische und unterrichtliche Angebot so weiterzuentwickeln, dass die Schülerinnen und Schüler besser lernen und die Lernziele erfolgreich erreichen können. In diesem Forschungsprojekt wird, neben anderen Fragen, untersucht, warum Schüler*innen in den einen Schulen mehr als in anderen lernen und welche Rolle dabei Educational-Governance-Systeme spielen. Dabei stehen auch die Interaktionen zwischen unterschiedlichen innerschulischen und ausserschulischen Akteuren im Zentrum.
Projektleitung: Prof. Dr. Katharina Maag Merki, Dr. phil. Andrea Wullschleger (Themenschwerpunkte 1, 2 und 3)

Unbegleitete minderjährige Geflüchtete in institutioneller Betreuung: Chancen und Herausforderungen

Das Forschungsprojekt untersucht die institutionelle Unterbringung und Betreuung unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter sowohl in Hinblick auf die gegenwärtige Praxis als auch in historischer Perspektive. Im Rahmen des gegenwartsbezogenen Untersuchungsteils werden Unterbringung und Betreuung ethnographisch, d. h. durch Beobachtungen und Interviews mit den Beteiligten (Fachkräfte, Pflegeeltern, junge Geflüchtete) untersucht, wobei verschiedene Betreuungsformen (MNA-Zentren, Erwachsenenunterkünfte, Pflegefamilien) berücksichtigt werden. Aus historischer Perspektive wird sich das Projekt auf Dokumente zu ausgewählten Gruppen unbegleiteter Jugendlicher fokussieren, die zwischen 1947–1981 in die Schweiz geflohen sind.
Projektleitung: Prof. Dr. Peter Rieker, Dr. phil. Rebecca Mörgen (Themenschwerpunkte 1, 2 und 3)

Wohlbefinden von Kindern in der deutschsprachigen Schweiz

Mit der Frage, was Kinder selbst unter Wohlbefinden verstehen und was sie aus ihrer Sicht brauchen, damit es ihnen gut geht, untersucht das qualitativ ausgerichtete Forschungsprojekt die subjektive Perspektive von Kindern und ordnet diese in gesellschaftliche, wohlfahrtspolitische und institutionelle Kontexte ein. Im Rahmen eines internationalen Forschungsnetzwerks Children’s Understandings of Well-being (CUWB) geht das Projekt der Frage nach, wann, unter welchen Bedingungen und wie Kinder Wohlbefinden erfahren in Form von Interviews, von den Kindern angefertigten Zeichnungen sowie thematisch fokussierten Gruppendiskussionen. Hieraus lassen sich Rückschlüsse ziehen für die staatlich-öffentliche Verantwortung, für Kinder und Jugendliche angemessene gesellschaftliche Bedingungen für gutes Aufwachsen bereit zu stellen.
Projektleitung: Prof. Dr. Catrin Heite, Dr. Anne-Carolina Ramos (Projektstart 01.09.2021) (Themenschwerpunkte 1, 2 und 3)