Pressestimmen

NZZ am Sonntag - 11. Mai 2003

Das Klassenzimmer-Video

638 gefilmte Mathe-Lektionen aus sieben Ländern zeigen: Die Tschechen sind brav, die Holländer laut und die Schweizer von allem ein wenig.

Von Kathrin Meier-Rust

Internationale Vergleiche von Schülerleistungen erregen die Gemüter. Sie sind Anlass für Stolz - wenn Schweizer 14-Jährige auf Platz 2 kommen (wie im TIMSS Performance Assessment) - oder Zerknirschung - wenn Schweizer 15-Jährige auf Platz 17 landen (wie in der PISA-Studie zur Lesekompetenz).

Darüber, wie solche Leistung zustande kommt, geben die internationalen Rangfolgen jedoch keine Auskunft. Im Gegenteil -sie haben gerade in dieser Frage oft Verwirrung gestiftet. Denn die grossen Schülertests erheben jeweils auch eine Fülle von Zusatzdatenzum soziopolitischen Kontext. Doch weder Klassengrösse, Stundenzahl noch Hausaufgabenzeit, weder der Fernsehkonsum der Schüler noch ihr Selbstvertrauen, weder das Bruttosozialprodukt eines Landes noch dessen Bildungsausgaben haben sich je zuverlässig und eindeutig mit den Leistungen seiner Schüler verbinden lassen. Und so bleiben bei allem Evaluieren und Testen gerade die wirklich entscheiden den Fragen unbeantwortet: Welcher Unterricht ist wirksam und warum? Was eigentlich passiert im Klassenzimmer?

Es passiert zum Beispiel dies: Ein junger Lehre rbetritt ein gerammelt volles Klassenzimmer und begrüsst die stehende Klasse. Die Jugendlichen - alle, Mädchen wie Knaben, ganz in Weiss gekleidet - grüssen zurück, verneigen sich leicht zum Lehrer, setzen sich. Ohne Umschweife zeichnet der Lehrer ein Fünfeck an die Tafel, beginnt von Polygonen zu sprechen, in der Hand ein Set von weissen Kärtchen. Stellt er eine Frage, wählt er jeweils ein Kärtchen und liest davon eine Zahl ab - 10, 35, 28 - und legt es auf den Tisch. Ein Schüler, eine Schülerin - offenbar die angesprochene «Nummer» - steht auf und versucht sich an einer Antwort.

Oder dies: Eine Lehrerin betritt ein Klassenzimmer,in dem etwa 20 Jugendliche in Jeans und T-Shirts ein lärmiges bewegtes Durcheinander veranstalten. Die Lehrerin beantwortet Zwischenrufe, begrüsst die Klasse, erhebt ihre Stimme gegen den unverminderten Lärm, beginnt vom Satz des Pythagoras zu sprechen. Irgendwann haben die Jugendlichen ihre Hefte offen. Einzelne verhandeln untereinander, andere stehen bei der Lehrerin am Pult mit ihren Heften - der Lärmpegelist eine Spur gesunken.

Oder dies: Ein Lehrer hat an der Tafel das Berechnen von Strecken erklärt. Nun geht er hinten um die Bankreihen herum, schaut einzelnen Jugendlichen über die Schulter ins Heft, er erklärtet was, spricht dabei von hinten über die ruhig arbeitende Klasse, verfällt dabei für einen Satz vom Hochdeutschen ins Schweizerdeutsch.

Die erste Szene stammt aus Hongkong, die zweite aus Holland, die letzte aus der Schweiz. Alle drei zeigen eine Mathematiklektion im achten Schuljahr, und alle sind öffentlichzugängliche Beispiele für die insgesamt 638 auf Video aufgezeichneten Mathematiklektionen der bisher grössten Videostudie zum Geschehen im Klassenzimmer. Entstanden ist diese Studie im Gefolge des internationalen Mathematik-Leistungstest TIMSS (Third International Mathematics and Science Study) von 1995. Die USA, deren Schüler dabei ziemlich schlecht abgeschnitten hatten, wollten dem Erfolg von asiatischen und europäischen Schülern auf die Spur kommen, und zwar miteinem Blick in die Klassenzimmer.

Für eine erste Video-Classroom-Study wurden rund 230 Mathematiklektionen in Japan, Deutschland und den USA gefilmt (TIMSS1995 Video). Die Japaner mit ihrem ganz auf Denkleistung zielenden Mathematikunterricht schnitten dabei überragend gut ab. Doch gleichzeitig zeigte die japanische Schulkultur auch sehr spezielle Merkmale, die in anderen Ländern kaum zu realisieren wären. Die Dreiländerstudie verwies damit auf etwas Grundsätzliches: In jedem Land verlief der Unterricht nämlich nach einem je eigenen, typischen Muster oder «Skript». Das eigene kulturelle Muster ist jedoch zu selbstverständlich, zu allgegenwärtig, um überhaupt wahrgenommen werden zu können. Erst der Vergleich mit anderen macht eine nationale Unterrichtskultur sichtbar.

Neugierig geworden auf die erfolgreichen «Skripts» anderer Länder, initiierte die amerikanische Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA) deshalb eine zweite Videostudie, zu der jene Länder eingeladen wurden, die sich durchbesonders gute Mathematikleistungen ausgezeichnet hatten. An TIMSS 1999 Video nahmen schliesslich neben den USA sechs Länder teil: Australien, Hongkong, Japan, die Niederlande, die Schweiz und Tschechien, die Ergebnisse wurden in den USA im Februar veröffentlicht. Nun präsentieren Kurt Reusser, Professor für Pädagogik an der Universität Zürich und Leiter der Schweizer Videostudie, und sein Team einen ersten Bericht für die Schweiz. Die vollständige Auswertung soll noch indiesem Jahr als Buch folgen.*

«Jetzt kann man Unterricht zum ersten Mal wirklich anschauen, kann ihn analysieren, kann darüber diskutieren», erklärtKurt Reusser die Bedeutung des gewaltigen Unternehmens. In der Schweiz wurde die Gelegenheit der internationalen Studie nämlich benutzt für eine zusätzliche nationale Vertiefungsstudie, die (mit Unterstützungdes Nationalfonds und privater Stiftungen) den Mathematikunterricht in unserem Land umfassend dokumentieren sollte: Insgesamt 156 Lektionen sind vollständig auf Video gebannt worden, repräsentativ über die drei Sprachregionen und alle Schultypen verteilt. Zusätzlich wurden Schüler und Lehrer intensiv befragt, die Schüler überdies einem Mathematik- und einem IQ-Test unterzogen. «All dies sind Informationen, die die Amerikaner nicht erhoben, die man aber braucht, um die Klassenzimmer-Videos wirklich einschätzen zu können», erklärt Studienleiter Kurt Reusser.

Es gibt keinen Königsweg

Videostudien sind ausserordentlich aufwendig: Nach genau standardisierten Regeln gefilmt (Kameraleute aus allen Ländern wurden eigens dafür in Los Angeles trainiert), wurden die Videos anschliessend ins Englische transkribiert und in einem komplizierten Prozess nach inhaltlichen und didaktischen Elementen codiert. Diese codierte Version wurde dann von Didaktikspezialisten auf ihren mathematisch-inhaltlichen und formalen Gehalt hin analysiert, und zwar ohne dass die Experten wussten, aus welchem Land die Aufnahme stammt.

Die Ergebnisse der internationalen Studie zeigen zunächst einmal erstaunliche Gemeinsamkeiten des Unterrichts der erfolgreichen Länder: In den Mathematikstunden aller Länder (mit Ausnahme von Japan) werden vor allem viele kurze Routineaufgaben gelöst. Überall wird alter Stoff wiederholt und neuer Stoff eingeführt, und überall wird sowohl im Klassenverband als auch individuell gearbeitet (das Arbeiten in Kleingruppen ist dagegen selten). Und auch die Redefreudigkeit der Lehrer sprengt alle Grenzen: In allen Ländern kommen auf jedes von einem Schüler vorgebrachte Wort mindestens acht Lehrerworte!

Interessanter sind jedoch die länderspezifischen Unterschiede: In Tschechien etwa wird der alte Stoff länger wiederholt als in allen anderen Ländern, in Japan wird länger an wenigen, aber komplexen Aufgaben gearbeitet, während Hongkong am meisten Zeit für das Üben von neuen Inhalten aufwendet. Die Mathe-Aufgaben in Holland zeigen am häufigsten einen Bezug zum Alltag, die holländischen Schüler brauchen zudem den Taschenrechner mehr als alle anderen und bekommen am meisten Hausaufgaben.

Dass die holländischen Jugendlichen trotz dem hohen Lärmpegel in ihren Klassenzimmern gute Leistungen zeigen, bleibt für den Schweizer Beobachter ebenso rätselhaft wie das brave Verhalten der Tschechen, die kaum je ein Lob bekommen: «Schweizer Schüler würden bei solch altmodisch-autoritärem Unterricht glatt davonlaufen», meint Kurt Reusser. Gerade der Vergleich der Leistungsstarken vermag hier zuzeigen, dass solche Klimavariablen der Schulkultur zwar sehr ins Auge fallen, mit Leistung aber wenig zu tun haben.

Das Fazit: «Es gibt keinen Königsweg», sagt Kurt Reusser, «kein einzelnes Merkmal erweist sich als alleinseligmachend für guten Mathematikunterricht.» Dies zeigt insbesondere auch ein Vergleich der beiden Hochleister Japan und Hongkong: Während Japan seinen Unterricht stark auf die Mobilisierung des Denkens ausrichtet, setzt Hongkong ganz auf einen übungsintensiven Frontalunterricht.

Guter Unterricht wirkt

Und wo bleibt bei alledem die Schweiz? Unser Land zeichnet sich im internationalen Vergleich vor allem dadurch aus, dasses keine extremen Werte aufweist. Ob Wiederholung oder neue Inhalte, ob Arbeiten im Klassenverband oder individuell, ob Komplexität dergebotenen Inhalte oder Qualität der Vermittlung - die Schweiz liegt überall in der Mitte. Nirgends zeigt unser Mathematikunterricht eine markante Besonderheit. Einzige Ausnahme sind die Lehrer: Schweizer Mathematiklehrer haben weniger akademische Ausbildung und unterrichten öfter auch andere Fächer als die Lehrer aller anderen Länder (was aufdie Besonderheit der seminaristischen Lehrerbildung der Schweizzurückzuführen ist). Auch die interne Auswertung der Schweizer Datenzeigt zunächst einmal eine Gemeinsamkeit, nämlich in der grossen Ähnlichkeit des Mathematikunterrichts in allen drei Sprachregionen. Nur die Tessiner Lehrer bieten eine Besonderheit: Sie wenden signifikant mehr Zeit auf für die Vorbereitung. Und natürlich erfahren wir einmal mehr, dass Schweizer Mädchen im Fach Mathematik weniger Interesse und weniger Selbstvertrauen zeigen als Knaben. Und es zeichnen sich Unterschiede in der Wahrnehmung durch die Schüler ab: Je höher der Schultyp (Real, Sek, Gymnasium), desto kritischer wird der Unterricht von Deutschschweizer und Tessiner Schülern beurteilt.

Wichtiger für die pädagogische Forschung sind jedoch jene Befunde, die ein klare Verbindung zeigen zwischen Leistung und Zufriedenheit der Schüler auf der einen und einem von unabhängigen Experten als qualitativ hochstehend bewerteten Unterricht auf der anderen Seite. Oder kurz gesagt: Guter Unterricht zeigt gute Wirkung. Vor allem dieses Resultat macht die Klassenzimmer-Videos wichtig, sie werden, davon ist Kurt Reusser überzeugt, die Lehrerbildung verändern: «Nun wird man guten Unterricht zeigen, anschauen und analysieren können.»

*Kurt Reusser, Christine Pauli: Mathematikunterricht in der Schweiz und in weiteren sechs Ländern. Bericht mit Videobeispielen über die Ergebnisse einer internationalenund schweizerischen Video-Unterrichtsstudie. 2 CD-Roms. Pädagogisches Institut der Universität Zürich, 2003. www.didac.unizh.ch

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