Dr. Mirjam Pfister

2015 Promotion in Erziehungswissenschaft an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich Doktorarbeit mit dem Titel „Adaptive Lernunterstützung im integrativen Mathematikunterricht: eine Videostudie“
Gutachten: Prof. Dr. Elisabeth Moser Opitz und PD Dr. Christine Pauli

Stationen vor der Promotion

1994-1997 Primarlehrerin
2000-2008 Schulische Heilpädagogin
2010 Lizenziat in Sonderpädagogik, UZH
2011-2015 Doktorat in Erziehungswissenschaft, UZH

 

Was machen Sie zurzeit beruflich und wie gefällt Ihnen Ihre Arbeit? (1)

Ich bin Lehrerin für integrative Förderung und Begabungsförderung an der Primarschule Uerikon und Dozentin für Mathematikdidaktik am Institut Unterstrass PHZH.

Was waren die wichtigsten Weichenstellungen auf Ihrem Weg dahin?

Ich habe von Primarlehrerin über Schulische Heilpädagogin, Lizenziat in Sonderpädagogik und Doktorat in Erziehungswissenschaft eine scheinbar sukzessive pädagogische und akademische Karriere durchlaufen. Diese Laufbahn ist jedoch ziemlich von Zufällen geprägt. Die Ausbildung zur Primarlehrerin, die ich abbrechen wollte, habe ich z.B. nur abgeschlossen, weil mir der Job in einem Plattenladen, für den ich mich beworben hatte, zu weit von meinem Wohnort weg war.
Nach drei Jahren Unterrichten an einer Mittelstufe bildete ich mich zur Schulischen Heilpädagogin aus, da ich über das Lernen und den Umgang mit Heterogenität mehr wissen wollte. Der Zufall wollte es, dass an meinem Praktikumsplatz in der Kinderpsychiatrie an einer altersübergreifenden Unterstufenklasse eine Stelle frei wurde, die ich übernahm. Während des vierten Jahres machte sich jedoch eine innere Unruhe breit: War‘s das schon? Ich studierte dann Sonderpädagogik und schloss 2010 mit dem Lizentiat ab. Danach arbeitete ich ein Jahr in Berlin bei Prof. Dr. Michael von Aster an einer Sonderschule. Er war schon in der Kinderpsychiatrie mein Chef, und hatte mich sehr unterstützt bei meinem Entscheid, an der Universität zu studieren.
Doch noch vor der Abreise nach Berlin begann zufällig das Abenteuer Doktorat. Eines Tages entschied ich mich spontan, beim ehemaligen Institut für Sonderpädagogik auf ein Schwätzchen mit AssistentInnen, die ich vom Studium kannte, vorbeizuschauen. So kam es, dass ich auf einmal im Büro von der mir noch nicht bekannten Professorin Elisabeth Moser sass und ihr ein bisschen von mir erzählte, dass ich nicht auf der Suche nach einem Dissertationsthema, aber auf der Suche nach einer interessanten Arbeit sei. Und sie erzählte von Projekten, die sie beim SNF einreichen wollte. Beim Abschied bat sie mich, meine E-Mail-Adresse zu hinterlassen, man wisse ja nie.
Kurze Zeit später kam eine Anfrage, in das Projekt würde eine Videostudie eingebaut werden, ob ich Interesse daran hätte, mitzuarbeiten, ich hätte da ja Videoerfahrung aus meiner Lizentiatsarbeit. Dann in der Mitternachtssonne in den Ferien ein weiteres Mail, sie wolle den Antrag jetzt abschicken, ob ich dabei sei. Ich telefonierte von Nordnorwegen und fragte mehrmals nach: Das wäre dann zwingend mit einer Dissertation verbunden? Jaja, das können Sie dann gerade im Projekt machen, das Projekt ist dann auch Ihre Doktorarbeit. Nach einigem Hin- und Her und längerem Zögern sagte ich zu, dass ich einverstanden sei, als potentielle Mitarbeiterin im Antrag aufgeführt zu werden.
Noch aus Berlin bewarb ich mich an einer Schweizer Pädagogischen Hochschule. Gleichzeitig mit der Einladung ans erste Hearing kam die Nachricht von Frau Moser, der SNF hätte das Projekt bewilligt, sie brauche jetzt meine definitive Zusage. Ich flog von Berlin an die PH, hielt meinen Vortrag. Es hiess, ich würde in ein paar Wochen hören, ob ich zum zweiten Vortrag vor erweiterter Runde eingeladen würde. Danach würde sofort entschieden. Somit kam ich in Konflikt mit der Deadline beim SNF-Projekt. Ich ging direkt nach meinem Vortrag zu Frau Moser und sagte ihr zu (und hätte später tatsächlich die Möglichkeit gehabt, als Dozentin an der PH zu arbeiten).
Die Videostudie, die ich durchzuführen hatte, betraf Mathematiklektionen, die ich nach bestimmten Gesichtspunkten bezüglich ihrer Adaptivität untersuchen musste. Dabei ertappte ich mich immer wieder, wie ich am liebsten in den Film gekrochen wäre und selber unterrichtet hätte.
Im September 2015 verteidigte ich meine Dissertation. Ich ging für einige Monate nach Marokko für ein Kindergartenprojekt in der Wüste und im Hohen Atlas und musste mich endlich entscheiden, was nach der nie geplanten Dissertation werden sollte.

Und wie ging es weiter nach der Dissertation?

Ich vertrat während zwei Monaten eine Lehrerin für integrative Förderung (IF-Lehrerin), und das gefiel mir so gut, dass ich mich an zwei Primarschulen bewarb. Ich musste mich an beiden Gesprächen „rechtfertigen“, warum ich – dermassen überqualifiziert – zurück in die Volksschule wollte. Nun arbeite ich seit zwei Jahren als IF-Lehrerin. Mein Doktortitel spielt keine Rolle, es wissen wohl nicht einmal alle im Team, dass ich einen habe. Ich verstehe meine sogenannte Überqualifizierung als Expertise-Angebot an diese Schule, das von einigen Lehrpersonen und der Schulleitung mit Interesse angenommen wird, von anderen halt weniger.

Was machen Sie zurzeit beruflich und wie gefällt Ihnen Ihre Arbeit? (2)

Ich finde es seit jeher das Spannendste, anderen beim Lernen zuzuschauen. Das geht nirgendwo besser als in der Volksschule. Seit dem Frühjahrsemester 2018 bin ich Dozentin für Mathematikdidaktik in einem Teilpensum am Institut Unterstrass der PHZH – aber die Volksschule aufzugeben, das kommt zurzeit überhaupt nicht in Frage.

Juli 2018