Aktuelles Forschungsprojekt

Pestalozzi oder Bell-Lancaster? Hochburgen und Mischgebiete pädagogischer Methoden nach 1800

Projektdauer: 1.6.2015-30.11.2017 (SNF 100019_159355/1)

Projektleiterin: Dr. Rebekka Horlacher

Doktorandin: lic. phil. Barbara Caluori

Die Volksschule in Europa wurde meist in den 1830er- und 1840er-Jahren grossflächig eingerichtet und gesetzlich verankert. Dieser Prozess ist Teil eines längerfristigen Prozesses der "Edukalisierung" sozialer Probleme, der seinen Ursprung im 18. Jahrhundert hat und bis heute andauert. Mit "Edukalisierung" wird das Phänomen beschrieben, dass ein breiter Konsens darüber besteht, dass soziale und gesellschaftliche Probleme durch eine verbesserte Erziehung oder eine reformierte Schule zu lösen seien. Das Projekt beschäftigt sich mit zwei konkurrierenden Modellen von Methoden, die beide zu Beginn des 19. Jh. in Europa eifrig diskutiert und rezipiert wurden. Eines dieser Modelle war die Methode Johann Heinrich Pestalozzis (1746-1827), das andere Modell etablierte sich von England aus, die Methode des wechselseitigen Unterrichts oder auch das Monitorialsystem genannt, die vom anglikanischen Geistlichen Andrew Bell (1753-1832) und dem Quäker Joseph Lancaster (1778-1838) unabhängig voneinander entwickelt worden war, oft aber als Kompositum „Bell-Lancaster“ rezipiert wird. Pestalozzis Methode und das Monitorialsystem erschienen als die grossen, konkurrierenden Alternativen in der Antwort auf die Frage, welche Methode die Erwartungen gegenüber Bildung im Allgemeinen und der Schule im Speziellen am besten erfüllen würde. An ausgewählten Fallbeispielen aus der Westschweiz wird untersucht, wer, warum, weshalb und mit welchen Argumenten für die Einführung welcher Methode argumentierte und wie diese konkret umgesetzt und angewendet wurde. Damit verspricht dieses Forschungsprojekt Antworten auf die Frage, mit welchen Hoffnungen und Erwartungen Regierungen, Bildungspolitiker, Schulreformer, Intellektuelle, betroffene Eltern und weitere interessierte Kreise das Grossprojekt "öffentliche Volksschule" in Angriff genommen haben und welchen Gewinn sie sich von der Einrichtung der öffentlichen, unentgeltlichen und obligatorischen Volksschule erhofften.
Für die Analyse des Rezeptionsverhaltens wird ein kontextualisierender Ansatz gewählt, der mit Hilfe von Quellen und Archivalien untersucht, weshalb an bestimmten Orten der Entscheid für oder gegen eine Methode gefällt wurde. Daraus folgt, dass die dominanten kulturellen Wertvorstellungen mitentscheidend waren, welche enthusiastisch rezipiert, total abgelehnt oder auch ob ihnen gleichgültig begegnet wurde.