Master Forschungsseminare

Schwerpunktübergreifendes Forschungsseminar mit Beginn FS 2022

Titel:

Unterrichts- und Schulentwicklung an Gymnasien im Kontext vor- und nachgelagerter Schulstufen, gesellschaftlicher Entwicklungen und Megatrends

Beschreibung

Im thematischen Fokus des Forschungsseminars steht die Entwicklung der Einzelschule auf verschiedenen Schulstufen  und als Teil des gesamten Bildungssystems. Educational Governance untersucht die Steuerung und Koordination von Akteuren in schulischen Bildungsprozessen in einem Mehrebenensystem. Die Interaktion zwischen Institutionen und Akteure sind komplex und von aussen betrachtet nicht immer trennscharf. Die Studierenden erhalten die Möglichkeit, diese Komplexität im echten Schulumfeld kennenzulernen und in kleinen Forschungsprojekten zu untersuchen. Auswahl von Themen (nicht abschliessend): Bottom-up und top-down Schulentwicklungsprozesse, Zusammenarbeit mit ausserschulischen Akteuren (Eltern, soziale Institutionen); Übergänge zwischen Schulstufen; Umsetzung des Lehrplans 21, Vorbereitung auf Gymnasium an Primar- und Bezirksschulen; Unterrichts- und Schulentwicklung an Gymnasien; Zusammenarbeit mit Hochschulstufen, Studienwahl / Studienberatung. Zentrale Fragestellungen sind:

  • Wie interagieren Institutionen und Akteure in Bezug auf Schulentwicklung? (Theoretisch und aus der Sicht der Schule)
  • Wie schlagen sich gesellschaftliche Megatrends wie Digitalisierung, Migration, Globalisierung, Diversitätsforderungen, Nachhaltigkeitsforderungen in Schul- und Unterrichtsentwicklung auf verschiedenen Schulstufen und in ausserschulischen Kontexten nieder?
  • Welche Rollen und Aufgaben haben schulische und ausserschulische Akteure in Schulentwicklungsprozessen? Wie laufen Prozesse ab?
  • Wie werden die schulischen Prozesse professionalisiert und die Qualität des Lernangebots optimiert, so dass die Förderung verschiedenster Schüler*nnen (unterschiedlicher Herkunft, mit und ohne Recht auf Nachteilsausgleich etc.) gestärkt werden kann und alle Schüler*nnen die Bildungsziele auf hohem Niveau erreichen können?
  • Wie werden Übergangsprozesse von den Zubringerschulen zum Gymnasium und vom Gymnasium an die Hochschulen von verschiedenen Akteuren erlebt und zu optimieren versucht?

Nach theoretischer Auseinandersetzung mit der Theorie und Empirie zur Educational Governance, zu Schulentwicklungsprozessen und zu Schulqualität haben die Studierenden die Möglichkeit für ihre Seminarprojekte unter der Leitung der Dozierenden eigene Fragestellungen zu entwickeln. Im Rahmen des Seminars erhalten die Studierenden einen Überblick über die aktuellen Schulentwicklungsthemen an einem Gymnasium, dazu gehören unter anderem:

  • die kantonalen Bildungsprozesse (Reform der Lehrpläne, der Stundentafel)
  • die Unterrichtsentwicklung (z.B. das Evaluations- und Feedbacksystem zum eigenen Unterricht im Kollegium)
  • Vorbereitungen der SchülerInnen auf das Studium (Beratungsangebote, Wissenschaftspropädeutik, Förderung überfachlicher und basaler Kompetenzen)
  • Pflege von Schul- und Kooperationskultur

Die Studierenden können mittels unterschiedlicher Methoden Daten sammeln (Interviews und/oder Fokusgruppeninterviews, Befragungen, Dokumentenanalysen durchführen) und diese analysieren, punktuell auch in Zusammenarbeit mit Methodenstellen (z.B. in der Werkstatt der Dokumentarischen Methode am Institut der Erziehungswissenschaft). Die Ergebnisse werden in Form eines Projektberichts festgehalten und in wissenschaftlichen Postern und/oder Vorträgen präsentiert. Es besteht die Möglichkeit (ausgewählte) Ergebnisse an der Neuen Kantonsschule Aarau zu präsentieren.

Zeitfenster: Freitag, 8-12 Uhr, 14-täglich
Dozierende:

Dr. Maren Oepke, Dr. Katriina Vasarik Staub

Modulverantwortung: Prof. Dr. Peter Rieker

Schwerpunktübergreifendes Forschungsseminar mit Beginn HS 2021

Titel: Aufwachsen in Krisen – krisenhaftes Aufwachsen. Auswirkungen gesellschaftlicher Krisen und institutioneller Umstrukturierungen auf Kindheit, Jugend und Familie
Beschreibung

Aufwachsen findet nicht erst seit der Corona-Pandemie im Kontext grundlegender gesellschaftlicher Transformationen statt. Globale Wirtschaftskrisen, Klimakrisen, Flüchtlingskrisen bestimmen gegenwärtige Diskurse und haben notgedrungen Implikationen für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen, die Organisation des Familienlebens, sowie die Gestaltung von Bildungsinstitutionen. Beispielhaft weist das aktuelle «Jugendbarometer 2020» der Credit Suisse (gfs.bern) auf den sinkenden Zukunftsoptimismus von Jugendlichen. Die Hauptsorge der Jugendlichen in der Schweiz ist die Altersvorsorge, gefolgt von der Bewältigung der Corona-Pandemie und des Umwelt-/ Klimaschutzes. Gesellschaftliche Transformationen wirken sich auch auf die Ausgestaltung des Familienalltags, oder die Organisation von Schule aus. Die Corona-Pandemie mit dem Lockdown vom vergangenen März hat das Leben der gesamten Bevölkerung betroffen und zu grundlegenden Umstrukturierungen mit nachhaltigen Implikationen gezwungen.
Ausgehend von diversen gesellschaftlichen Krisenmomenten möchten wir in diesem Forschungsseminar die Möglichkeit bieten, eine breite Palette an Themen, welche für die Erziehungswissenschaft relevant sind, aufzugreifen und forschend zu vertiefen. Wir gehen davon aus, dass die Corona-Pandemie zu einer Verschärfung struktureller Probleme wie (strukturelle) Arbeitslosigkeit, prekäre Arbeitsbedingungen, soziale Ungleichheit, Bildungsungleichheit u. a. führt und damit bspw. Auswirkungen auf Familie, Geschlechterverhältnisse und Schule verbunden sind. Die Auswirkungen von Krisen und der Umgang damit lassen sich gegenwartsbezogen anhand der aktuellen Situation sowie historisch an vergangenen Krisen untersuchen.
Die Forschungsfragen der Studierenden können sich bspw. innerhalb der Themenfelder „Schule, Unterricht und Lernen in Krisensituationen“ und „Verschärfung sozialer Ungleichheit bei Krisen in Bezug auf Kinder und Familie“ bewegen und lassen sich quantitativ, qualitativ oder historisch bearbeiten. Beispiele sind:

  • Homeschooling/ digitaler Unterricht bei Kindern mit besonderen Bedürfnissen: Gestaltung des Fernunterrichts an heilpädagogischen Schulen
  • Krisenbedingte soziale Ungleichheit in Ausbildung und Arbeit: schulische Benachteiligung, Armut und Familie, prekäre Arbeitsbedingungen
  • Familienstrukturen und -leben in Krisen: Familiäre Rollenaufteilung, Gestaltung von familiärem Zusammenleben (doing family), Perspektiven von Kindern auf aktuelle Pandemie-Situation.

Die Studierenden erheben entweder eigenständig Datenmaterial (mittels je nach Fragestellung unterschiedlichen Erhebungsmethoden) oder können auf das Datenmaterial aus dem Forschungsprojekt KOLIBRI für quantitative Analysen zugreifen (z.B., um zu untersuchen, wie das Angebot des Fernunterrichts die Leistungen der Kinder beeinflusst hat) oder auf das Mediensamples des NFP 76 Projekts („Fürsorgepraxis und Kindesvernachlässigung – Rekonstruktion und Analyse der Diskurse zu Familie, Erziehung und Mutterschaft), z.B. Fragen zu Transformationen und Persistenz von Familie und Geschlechterverhältnisse.

Zeitfenster: Freitag, 8-12 Uhr, 14-täglich
Dozierende:

Dr. Susanne Schnepel, Dr. Margot Vogel Campanello

Modulverantwortung: Prof. Dr. Peter Rieker

Schwerpunktübergreifendes Forschungsseminar mit Beginn FS 2021

Titel: Das Selbst in der Erziehungswissenschaft
Beschreibung

"[…] a man's self is the sum total of all that he can call his […]" (James, 1890, p. 291). 130 Jahre nachdem sich der grosse Psychologe und Philosoph William James mit dem Selbst auseinandergesetzt hat, prägt die Beschäftigung mit dem Selbst die Gesellschaft vielleicht so stark wie noch nie. Das Selbst spielt im Kontext derzeitiger gesellschaftlicher Veränderungen wie etwa der Individualisierung von Lebensentwürfen, der Personalisierung von Produkten oder der Pluralisierung von Werte- und Normsystemen eine zentrale Rolle. Die Darstellung, Bewertung und Vermessung des Selbst sowie die Reflexion über das Selbst wird durch die Digitalisierung mittels sozialer Netzwerke, Selbst-Tracker und Selbst-Vermessung vorangetrieben. Diese Fokussierung auf das Selbst wiederspiegelt sich auch in der Erziehungswissenschaft sowie den Bildungsinstitutionen. Einerseits wird das Selbst als Antezedent von Bildungsprozessen verstanden, als aktives Selbst, das durch Selbstkonzepte, Selbstmanagement, Selbstkontrolle und Selbstregulationsprozesse sein Lernen bewusst steuert (z.B. Schunk & Green, 2018), andererseits ist die Entwicklung einer eigenen Identität, die Befähigung ein selbstverantwortliches Leben zu führen (Lehrplan 21) auch das Ergebnis und Ziel von Bildungsprozessen. Dieses dynamische, kontextabhängige Selbst definiert sich zusätzlich immer auf einer personalen und kollektiven Ebene als Teil einer sozialen Identität. Im schulischen Kontext zeigt sich dies in der vermehrten Differenzierung und Individualisierung von Unterricht durch die Lehrperson, aber auch in der Personalisierung von Unterricht durch die Lernenden selbst (Stebler, Pauli & Reusser, 2017). In diesem Zusammenhang stellt sich beispielsweise die Frage nach den Zielen der schulischen Bildung und die Frage danach, was guten Unterricht auszeichnet, der nebst akademischen Leistungen auch die Entwicklung des Selbst ins Auge nimmt. Auch im ausserschulischen Bereich stellt sich gerade im Kontext von sozialen Medien die Frage nach der Bedeutung von Selbstkonzepten Jugendlicher, junger Erwachsener oder Personen in Situationen der Benachteiligung für ihre Ziele und ihre Persönlichkeitsentwicklung. Die Untersuchung des Selbst im erziehungswissenschaftlichen Kontext birgt verschiedene Herausforderungen, die in diesem Forschungsseminar thematisiert werden und von den Studierenden in folgenden Bereichen interessensgeleitet untersucht werden sollen:

  1. Das Selbst als individuelles Merkmal: Was ist das Selbst und wie wird es empirisch sichtbar? (Messtheoretischen Zugänge, wie z.B. Selbst- und Fremdbericht, Biografieforschung, bewusste und unbewusste Aspekte, personales und kollektives Selbst, physiologische Masse, digitale Daten, Big Data).
  2. Das Selbst als Antezedent von Bildungsprozessen: Welche Aspekte des Selbst (z.B. Selbstkonzepte, implizite Theorien) fördern oder hindern Lernprozesse und welche Zusammenhänge zeigen sich mit Selbstregulation, Selbstkontrolle oder Selbstbestimmung?  (z.B. Wie verhalten sich diese Zusammenhänge zum Beispiel in der Berufseinstiegsphase oder bei Menschen mit Migrationshintergrund?)
  3. Das Selbst als Ergebnis von Bildungsprozessen: Wie entwickelt sich das Selbst? Hierbei stehen Fragen zur historischen Entwicklung, zur Ontogenese sowie kulturellen Einflussfaktoren (kulturelle Unterschiede, digitale Medien) im Vordergrund (z.B. Wie sehen sich Kinder und Jugendliche im schulischen und ausserschulischen Kontext? Welche Faktoren im Unterricht (z.B. Basisdimensionen guten Unterrichts) wirken sich positiv auf die Selbstentwicklung aus?).

Das zweisemestrige Seminar gliedert sich in folgende Teile: In einer thematischen Einstiegsphase werden zentrale theoretische und empirische Grundlagen der Forschung zum Selbst vorgestellt, diskutiert und die Studierenden setzen sich mit dem eigenen Selbst auseinander. Philosophische, psychologische, soziologische, pädagogische und historische Zugänge ermöglichen eine breite Erarbeitung der Thematik. Daraufhin folgt eine Konzeptphase, wobei Forschungsfragen für eine kleine Forschungsstudie konkretisiert und Konzepte erstellt werden. Die Datenerhebung und -auswertung wird je nach Fragestellung und Zugang variieren, dabei soll primär das bereits erworbene Wissen aus den Methodenmodulen angewendet und erweitert werden. Es kann auf bereits vorhandene Datensätze und Archivmaterialien zurückgegriffen werden, eigene Datenerhebungen werden ebenfalls ermutigt. Abschliessend werden die unterschiedlichen Studien im Rahmen einer Posterpräsentation dem Institut vorgestellt.

Zeitfenster: Freitag, 8-12 Uhr, diverse Termine siehe VVZ
Dozierende:

Dr. Vanda Sieber, Dr. Miriam Compagnoni, Kai Schudel

Modulverantwortung: Prof. Dr. Peter Rieker