Dissertationsprojekt: Vergangene Zukünfte vor Entscheidungen
Vergangene Zukunftsvorstellungen der Schweizer Berufsbildung in der Nachkriegszeit (1945-1989)
Die Berufsbildung steht im Zentrum, wenn gesellschaftliche Zukunftsvorstellungen verhandelt werden. In der Schweiz liegt dies nicht nur daran, dass die grosse Mehrheit der Jugendlichen nach der Sekundarstufe I in die Berufsbildung eintritt. Die Berufsbildung ist Teil des sozialen Imaginären (Taylor), also zu normativen Vorstellungen und Bildern geronnenen Zukunftsvorstellungen. Sie steht im Schnittfeld von Bildung, Arbeit, Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Technik und zielt auf den Erwerb von Wissen, Fertigkeiten, Werten und Ethik ab.
Mein Dissertationsprojekt greift das Konzept der Zukunftsvorstellungen als analytische Kategorie auf. Die Kolonisierung der Zukunft ist stark umstritten und mit widersprüchlichen Interessen behaftet, weshalb die Zukunft der beruflichen Bildung als wesentlicher Bestandteil der Gesellschaft zu einem Ort der Auseinandersetzung wird. In diesem Streben nach Verwirklichung prägen Darstellungen der Zukunft Wahrnehmung und Aktion, da durch die Verhandlung die einen Zukunftsvorstellungen als möglich angesehen werden – während andere abgelehnt oder blockiert werden. Durch die Fokussierung auf die Gestaltung der Zukunft reiht sich dieses Projekt in den Trend ein, die Matchdimension von Zukunftsvorstellungen zu beleuchten.
Insbesondere in der Nachkriegszeit gewannen Zukunftsvorstellungen an Bedeutung. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt der Diskurs über die Zukunft eine neue Qualität, da man an ihre Vorhersehbarkeit und damit an ihre Machbarkeit glaubte. Gleichzeitig war die Zukunft im Jahr 1945 eine weitgehend leere Kategorie, die durch Vorstellungskraft mit neuen Bedeutungen gefüllt werden musste.
Methodologisch-theoretisch werden die Zukunftsvorstellungen durch die Zugänge der intellectual history und der Wissensgeschichte rekonstruiert und anhand dreier Fälle beleuchtet: (1) der Berufsbildungslehrpersonen, (2) der Berufsbildungs-Politikberatung (mitunter mit Fokus auf die Einflüsse der Futurologie der Zeit) und (3) der Lernenden selbst. Dadurch soll die Frage beantwortet werden, wie die Zukunft imaginiert wurde, welche Logiken die Zukunfts-Herstellung folgten und inwiefern und wie diese Vorstellungen als Ort des sozialen Wandels betrachtet werden können. Damit leistet mein Dissertationsprojekt einen Beitrag zur historischen Zukunftsforschung innerhalb der (Berufs-)Bildungsforschung sowie zur historischen Erforschung der social imaginaries.